Im heutigen Blog möchte ich euch über die Hauptinsel Sao Miguel erzählen, auf der wir noch immer mit Symi in der Marina stehen.
Meine Schulterverletzung ist nun vier Wochen her, zwei mal Physiotherapie beim Profi haben weniger gebracht als die regelmäßigen Übungen und die Zeit, die vergangen ist. Nach einer Luxation kann man 4-8 Wochen Rehabilitationszeit rechnen, bis die Schmerzen nachlassen. Ich würde den Schmerz derzeit mit 50 % Besserung definieren. Kleine Arbeiten funktionieren auch wieder und sogar Autofahren ist möglich.
Nachdem wir von der Insel Horta zum Boot in die Marina zurückgekehrt waren, kamen auch unsere Freunde Evelyn und Michael herübergesegelt. Wir machten gemeinsam nicht nur die Stadt unsicher, sondern unternahmen auch mit dem Auto Ausflüge zu den wichtigsten und schönsten Orten.
Ein Mietwagen ist hier im Vergleich zu den USA spott billig. Um zehn Euro pro Tag werden hier Mittelklassewagen vermietet, die gut in Schuss sind. Wir machten uns also auf den Weg und erreichten nach 1 Stunde die Westseite der Insel, deren Landschaft vom eher breiten als hohen Vulkan „Sete Cidades“ geprägt wird. Vor ca. 22.000 Jahren wurde diesem einst 1.200 m hohe Vulkan durch heftige Ausbrüche die Mitte weggesprengt. Nachdem sich im Inneren Asche in der abgekühlten gut 5km breiten Caldeira dichtend abgelagert hatte, bildeten sich zwei Seen.
Eine Ortschaft mit dem gleichen Namen „Sete Cidades“ liegt an deren Ufern. Ein Besuch der durch einen Kanal verbundenen Kraterseen dieser Caldeira, Lagoa Azul und Lagoa Verde sind ein Highlight auf den Azoren. Die Namen verraten es schon. Es geht um Farben. Blickt man nämlich vom 300 Meter hohen Kraterrand auf die Seen hinunter, schimmert das Wasser des Größeren in tiefem Blau, während der kleinere Lagoa Verde durch Lichtreflexionen des umliegenden Nadelwaldes grünlich glitzert. Wenn nicht gerade Nebelwolken die Sicht verdecken, ist dieser Anblick wirklich unvergesslich.
Ein weiterer interessanter Ort, den wir dort besuchten, ist ein verlassenes Hotel am Kraterrand. In der modernen Diktion der Youtuber und Instagram Jäger wird es als ein Lost Place bezeichnet.
Die Geschichte geht auf das Jahr 1989 zurück. Damals plante ein Unternehmen ein Hotel mit 88 Betten, einen Konferenzzentrum, einer Disco, Bar und einem Restaurant zu bauen und war leider seiner Zeit viel zu weit voraus, da SYMIich zu dieser Zeit der Tourismus auf den Azoren noch in den Kinderschuhen befand.
Das Hotel wurde nach nur 1,5 Jahren wegen weniger Buchungen und Geldmangels geschlossen. Während der nächsten 15 Jahre stationierten die Besitzer Bewachungsfirmen mit Hunden zur Sicherung der Einrichtung vor Ort, aber nachdem dies extrem kostspielig war, zog man die Bewachung ab und das Hotel wurde sehr rasch zu einem Ort von Plünderungen und Verwüstung durch die lokale, zu dieser Zeit sehr arme Bevölkerung. Im Jahr 2010 wurde der zu einem Rohbau verwüstete Hotel Block um lediglich 1,2 Millionen € zum Kauf angeboten, aber es fand sich kein Käufer.
Von Fliesen bis zu den Türklinken, Badewannen oder von Aufzügen bis zu den Holzvertäfelungen, nichts blieb an seinem Ort. Heute, nach 30 Jahren, steht das „Monte Palace Hotel“ als Ruine in der wunderschönen Kraterlandschaft. Die Regierung der Azoren hat 2025 ein Rehabilitationsprojekt als »von erheblichem öffentlichen Interesse« anerkannt. Renovierungsarbeiten sind geplant, aber haben noch nicht begonnen. Es ist ein etwas gruseliges Gefühl, wenn man im Inneren auf den durchnässten alten Teppichen durch die Hallen wandert, und feststellt, dass absolut gar nichts vom ehemaligen Glanz geblieben ist. Lediglich der Ausblick auf die Kraterseen ist wunderschön.
Beim intensiven Tourismus der heutigen Zeit könnte sich eine Revitalisierung vielleicht lohnen. Man wird sehen.
Wir setzten unsere Reise auf der durch EU Mittel in ausgezeichnetem Zustand befindlichen Straßen in Richtung Nordküste fort. Dort, wo meistens der kühle Nordatlantik Wind bläst ist das Klima durch die Staulage an den Bergen in der Mitte der Insel feuchter als im Süden. Durch die hohe Feuchtigkeit ist dies ein idealer Ort für Tee Plantagen. Von einst 80 Plantagen, blieben nur zwei bis heute bestehen. In einer der beiden Plantagen kann man die Produktion von Tee hautnah miterleben. Nach einem Spaziergang durch die Anlage mit ihren gepflegten Tee Sträucher machten wir einen Rundgang durch die Fabrik und beobachteten die 100 Jahre alten Maschinen, die nach wie vor die Fermentierung, Trocknung und Sortierung des Tees vornehmen. Ein sehr interessanter, wohlriechender Prozess, den ich noch nie in meinem Leben zuvor beobachten konnte.
Auf dem Weg zurück zur Südküste, wo sich die Marina Ponta Delgada befindet passierten wir auch den Küstenort Rabo de Peixe. Die etwas skurrile aber wahre Geschichte dieses Ortes will ich euch nicht vorenthalten.
Am Strand dieses Ortes trieben 2001 unzählige Plastikpäckchen an den Strand. Es war Kokain. Die lokalen Einwohner sammelten sie alle ein und es waren so viele, dass der gesamte Ort in eine Drogeneuphorie verfiel. Man schrieb, dass die Fische im Restaurant statt mit Mehl mit Koks paniert wurden. Ein Krug Koks wurde um 15.-€ gehandelt. Sogar die weißen Linien am Fußballplatz sollen mit dem weissen Pulver gezogen worden sein. Viele Einwohner wurden abhängig, andere bauten sich mit dem erdealten Geld neue Häuser. Heute ist dieser Ort der ärmste der Insel und die hohe Kriminalität und viele Drogenabhängige sind das Ergebnis dieser Geschichte. Ribo de Peixe wurde zu einer Enklave der Armut und Netflix produzierte sogar einen Spielfilm darüber.
Aber woher stammten die Drogen?
Ein Italiener wollte 2001 mit einer Yacht Drogen von Venezuela nach Europa schmuggeln. Scheinbar seemännisch wenig bewandert und auf der Hut vor anderen Booten, ankerte er an der N-Küste vor dem Ort. Wie bereits erwähnt prallt dort die meiste Zeit N-Wind an die Küste. Nun aber war ein Sturm angesagt und der Schmuggler mußte das Boot verlegen. Damit er bei einer Hafenkontrolle „sauber“ war, hängte er das gesamte 3 Tonnen schwere Koks Paket in Plastik verpackt unter Wasser an seinen Anker. Und während er sich rettete und nach Süden fuhr, zerfetzten die Wellen sein Paket und trieb es in Einzelpäckchen an den Strand.
Diesen Ort also umfuhren wir und fanden bald ein ausgezeichnetes Restaurant für ein frühes Abendessen. Ich wiederhole mich vielleicht, aber dieses positives Faktum muss erwähnt werden.
Punkto Gastfreundschaft, Freundlichkeit, Vielfalt an Speisen und guten Rotweinen ist diese Insel einmalig.
Die Küche des Landes bietet neben hochwertigem Olivenöl eine große Auswahl an Fischgerichten und das beste Rindfleisch von eigenen wohlgenährten, meist schwarz-weißen Rindern, die man hier auf jeder Wiese beim Grasen findet. Nicht zu vergessen sind die wohlschmeckenden Desserts und Süßspeisen, die das Herz eines jeden Feinschmeckers höher schlagen lassen. Wir haben festgestellt: in Portugal kannst du dich kulinarisch so richtig verwöhnen lassen.
Von Kriminalität ist außer in Rabo so Peixe auf ganz São Miguel nichts zu bemerken. Auch Polizeistreifen oder gar Geschwindigkeitskontrollen auf den Straßen haben wir bisher nicht erlebt. Nirgendwo ein Polizist zu sehen.
Vielleicht ist dies auf den sanften Charakter der Portugiesen zurückzuführen. Sie sind immer ausgesprochen freundlich und versuchen zu helfen. Reichtum ist hier nirgendwo zu finden, aber alle scheinen zufrieden und nach der schweren wirtschaftlichen Krisenzeit Anfang der Zweitausender Jahre scheint Portugal seine Inseln nun in einem stabilen und für die Bevölkerung zufrieden stellenden Zustand zu halten. Faszinierend auf den Inseln ist auch die Autonomie punkto Versorgung und Nahrung. Fast alles, was man hier anbietet, wurde auch hier produziert.
Nun ein paar Worte zu meinem Sorgenkind Symi. Wie ich geschrieben habe, ist unser Radar bereits auf dem Bermudas ausgefallen. Beim reinigen und Testen unserer Entsalzungsanlage, also dem Wassermacher, habe ich einen Schaden an der Steuerung Platine festgestellt.
Das Gerät ist zwölf Jahre alt, die Erzeuger sind in Frankreich. Also schreibe ich sie an und bestelle. Aber so einfach geht es vielleicht bei Amazon, hier auf dem Boot auf einer Insel ist der Weg dorthin sehr steinig. Ich telefonierte mindestens sechs mal, schrieb unzählige E-Mails, um endlich eine Antwort auf meine Anfrage zu bekommen. Offensichtlich ist die Arbeitslust in der grand Nation auch im Sinken begriffen. Heute, endlich nach zehn Tagen urgieren, haben Sie die kleine Platine an DHL übergeben und leider mit falschem Bootsnamen an das Marine Büro hierher verschickt. Die mühsame Suche, Bestellung, das Urgieren und Telefonieren ist leider Alltag für den Segler, der Ersatzteile für sein Boot an einem fernen Ort braucht.
Mein Radar wurde von einem Fachmann als Totalschaden diagnostiziert und nachdem ich mit dem österreichischen Generalvertreter telefonischen Kontakt hatte, wies er mich auf die dreijährige Garantie hin. Das war genau drei Tage vor dem Ablauf. Er reichte den Fall sofort in England bei Raymarine ein und sie bestätigten, dass ich auf Garantie eine neue Radarantenne erhalte. Nur wie bekomme ich sie hierher? Es gibt keine Generalvertretung auf den Azoren. Die Hilfsbereitschaft des Elektronikers auf der Insel Horta aber wird es hoffentlich möglich machen, dass ich noch diese Woche die neue Radarantenne aus Lissabon erhalte. Zum heutigen Zeitpunkt ist aber die Bestätigung ausständig.
Die Montage in luftiger Höhe werde ich wahrscheinlich nach der Einnahme von einem Schmerzmittel selbst machen müssen aber da die Schulter jeden Tag besser wird, wird das sicher gelingen.
Der Einbau der Platine hingegen ist kein Kraftakt, sondern eher Feinarbeit. 30 kleine Kabel müssen ab und angeschraubt werden.
Wie geht es weiter:
Unser Platz hier ist bis 10. Juli gebucht, bis dahin möchte ich alle Ersatzteile fertig montiert haben. Wir würden dann am 11.7. die 50 Seemeilen nach Santa Maria hinunter segeln und dort meine Tochter Anna in Empfang nehmen.
Das Wetter sieht aus heutiger Sicht für die Zeit zwischen 15. und 22. Juli recht gut aus, die neuesten Berichte über die Situation im Orca Kampf zeigt, dass die Wale vor ein paar Tagen bei Lissabon gesehen wurden, was für uns eine weniger riskante Fahrt durch die Straße von Gibraltar bedeuten würde. Der Weg könnte also frei sein. Ich habe es noch nicht entschieden, ob wir, wie es in allen Foren empfohlen wird, an die Küste von Portugal und Spanien fahren, um uns dann entlang der 20 m Tiefenlinie in Tagesetappen nach Gibraltar durchzukämpfen, oder ob wir einen direkten Kurs nach Gibraltar nehmen. Ich glaube eher wir wählen die zweite Variante.
Ich halte euch jedenfalls am Laufenden.
Wie immer wünsche ich euch alles Gute von Bord.
Captain Pavlos











