Ahoi und einen schönen Tag wünsche ich Euch aus Cape Canaveral. USA.
Nach dem Landausflug für Zoll und Einklarierung im Regen, kehrten wir zu Symi an Bord zurück und mussten eine weitere Nacht bei teilweise wirklich extremen Regengüssen, zum Glück ohne Gewitter, in Westpalm Beach im Hafen verbringen. Hafen ist nicht ganz die richtige Beschreibung. Besser wäre: ein breiter Kanal. Florida ist an seiner Ostküste mit fast durchgehenden 0,5 bis 3 km breiten Inseln vom Atlantik abgeschirmt. Diese sind zum Beispiel bei Miami künstlich angelegt, weiter nördlich schmäler, aber natürlich. Zwischen dem Festland und den Inseln läuft der Intracoastal Waterway (ICW) dessen Struktur ich dir hier erklären will.
Die Idee eines durchgehenden Wasserwegs entlang der Ostküste entstand bereits im frühen 19. Jahrhundert, um eine sichere und effiziente Transportroute von Nord nach Süd zu schaffen. Er ist eine rund 4.800 Kilometer lange geschützte Wasserstraße entlang der Atlantik- und Golfküste der USA. In Florida spielt er eine bedeutende Rolle für die Binnenschifffahrt, den Tourismus und die wirtschaftliche Entwicklung der Küstenregionen. Der Ausbau des ICW begann 1880 mit der Gründung der Florida Coast Line Canal & Transportation Company. Diese private Gesellschaft baute bis 1912 ein 500 Kilometer langes Kanalsystems von Jacksonville bis Miami.
Ab 1929 übernahm der US-Kongress die Kontrolle über den Wasserweg und übertrug die Verantwortung für den Ausbau und die Wartung an das U.S. Army Corps of Engineers. Ab dem Zweiten Weltkrieg hatte der ICW strategische Hintergründe.
Die Bedrohung durch deutsche U-Boote entlang der Atlantikküste machte eine sichere, küstennahe Transportroute für militärische und kommerzielle Schiffe erforderlich. Der ICW ermöglichte es, Güter und Truppen effizient und geschützt entlang der Küste zu bewegen. Heute dient der ICW sowohl kommerziellen als auch Freizeitaktivitäten. Er verbindet wichtige Städte wie Jacksonville, Miami und Fort Lauderdale und bietet eine sichere Route für Boote und Yachten ohne auf dem Atlantik zu segeln. Der ICW Wasserweg ist Teil einer “Great Loop” genannten Schiffsroute, bei der man mit einer Motor- oder Segelyacht (wegen der vielen Brücken ohne Mast) von Miami nach New York, durch die großen Seen bei Ottawa in Kanada vorbei in den Mississippi nach Süden in den Golf von Mexiko und schließlich durch einen weiteren Kanal von der Westküste Floridas bis Miami zurück kommt. Für Interessierte hier der Link zur Tour ICW.
Wir müssen heuer „nur“ bis Washington DC kommen.
Mir war es während unserer Reise in der Karibik und Bahamas gar nicht bewusst, wie sehr sich in einem halben Jahr durchgehend auf dem Boot und auf See unterwegs die eigene Wahrnehmung schärft und man sich an Ruhe und Abgeschiedenheit gewöhnt hat, ja sie auch, wenn es mal eng und laut wird am Ankerplatz, herbeisehnt. Das Ohr nimmt Lärm lauter wahr, die Nase registriert jede kleinste Auspufffahne eines Mopeds, das an Land vorbeifährt, wesentlich intensiver und unsere Augen waren mehr oder weniger auf die Farbe Türkis eingestellt. Das Türkis oder Türkisgrün beruhigend wirkt konnte ich jahrelang in diversen OP-Sälen miterleben. Aber das Türkis des Meeres ist mir um vieles lieber.
Bis auf den Motorenlärm anderer Boote und die eventuell vom lokalen Restaurant herüber wehenden Küchengerüche waren unsere Sinne offen und frei. Die beliebten Wochenend-Karaoke-Nächte nimmt man genauso hin wie den manchmal lärmenden Nachbarn, der zum Sonnenuntergang seine Boots Stereoanlage ausreizt.
Was passierte nun mit mir, als wir in West Palm Beach ankerten: in meinem Bett liegend, nahm ich beim Einschlafen wahr, das ein auffälliges Brummen um mich war. Eine Art Lärmglocke, die man örtlich nicht festlegen konnte. Es war ein Gemisch aus Autos, Industrie, Hafen, Geräusche von Schleppern und Kreuzfahrtschiffen, von entfernt passierenden Zügen und nicht zu vergessen, den zahlreichen Kleinflugzeugen, die hier in Florida herumfliegen wie zu Hause die Tauben.
Man spürt, hört, riecht, daß die Stadt, die einen umgibt, lebt und pulsiert. Auch die Lichtverschmutzung fällt sofort auf. Es wird in diesem Hafenteil nie ganz dunkel und Sterne schauen ist somit vorbei.
Dieses Pulsieren und Brummen waren etwas, dass ich in den letzten Monaten völlig vergessen hatte. Bei der Erledigung der Zollpapiere und dem damit verbundenen Spaziergang an Land, vorbei am Terminal des Kreuzfahrt Unternehmens MSC, das in der Größe einem Flughafen Graz alle Ehre macht, komme ich mir in der Hektik des Hafenbetriebs irgendwie fremd oder wie am falschen Ort vor. Es kam mir wirklich die Frage in den Sinn, wie denn eine so große Stadt mit ihren vielen Einwohnern und Einrichtungen überhaupt funktionieren kann.
Ich war schon an die ruhige, kleine Welt gewöhnt. Hatte ich wirklich vergessen, dass es selbstverständlich ist, dass alle Menschen ihrer Arbeit nachgehen und jede Stadt und jedes Unternehmen seine Ordnung hat nach Protokollen, die tagtäglich aufs Neue ablaufen. Ich war nicht auf dem Mond und auch nicht in der Südsee, aber ich war weit genug weg von Trubel und Hektik der großen Städte. Dies war jetzt vorbei, das war uns von Anfang an bei der Planung der USA Reise bewusst. Am nächsten Morgen weckte uns Sonnenschein und beim Rundgang um das Bootsdeck, bemerkte ich den nächsten Beweis für die Rückkehr in die Zivilisation. Mit dem starken Regen haben sich offensichtlich Metallpartikel auf dem Boot niedergelassen und die gesamte weiße Decksoberfläche mit braunen Spuren bedeckt. Zuerst dachte ich noch, ich wische es mit dem feuchten Finger weg, musste aber dann mit schwereren Gerät anrücken, einem französischen Spezial Entroster (natürlich biologisch abbaubar). Andrea und ich verbrachten mindestens 4 Stunden, ausgestattet mit je einem kleinen Borstenpinsel, um die sicherlich 200 Roststellen einzeln zu betupfen und nachträglich mit klarem Süßwasser. abzuspülen. Anders war dem Rost nicht beizukommen und wenn man ihn nicht entfernt, würde er ewig auf dem Deck sitzen und sich einbrennen. Woher diese Eisenmoleküle kamen, werden wir nie erfahren.

Schleunigst verließen wir mit SYMI diesen lauten Hafen und segelten an der Außenseite der Küste bis zur nächsten Einfahrt nordwärts. Durch einen Kanal ging’s zu einem verschlafenen typisch amerikanischen Nest namens Manatee Pocket. Leider war dies nur der Name „Seekuh Nest“. Wir bekamen an unserer Boje leider keines dieser so tollpatschig wirkenden lieben Tiere zu Gesicht. Wir hoffen aber weiterhin auf eine Begegnung.
Da unsere Vorräte bereits zur Neige gingen, besuchten wir einen Supermarkt. Auch hier findet man das ewige amerikanische Motto. Alles ist XXL. Die Auswahl und Markenvielfalt überwältigte uns wiedermal. Obst, Gemüse, Käse und Wurst Serials und Milchsorten in 3,5 Liter Plastikflaschen. Low, 1%, 2%, high fat or no fat. Nach den Minimärkten der Exumas waren wir begeistert von dieser XXL Auswahl. Cheese Balls kauften wir keine!

Von dieser Marina ging es dann ganz gemütlich mit 5-6 kn den ICW weiter nach Norden. Mehr als acht Stunden und somit ca. 40 sm kann man pro Tag nicht schaffen und außerdem gibt es fast die ganze Zeit Grundstücke und Häuser zu bestaunen, die rechts und links, wie teure Villen an Wörthersees Ufern liegen.
Dazwischen passierten wir sicher ein halbes Dutzend fest gebaute hohe Autobahnbrücken. Sowohl auf der Seekarte als auch vor der Brücke ist die Durchfahrtshöhe beschrieben. Es sind alle 65 Fuß hoch. SYMI’s Mast hat mit Antenne eine Höhe von 59 Fuß.
Daher hatten wir bei der ersten Durchfahrt etwas Bammel, als das aber hinter uns lag, schauten wir bei den weiteren Brücken nicht mal mehr hinauf zum Masttop.




Delfine und Schildkröten schwimmen dazwischen und auf den Fahrkanal Betonnungszeichen sitzen Fregattvögel, Seeadler oder Pelikane.




Der ICW ist manchmal abwechslungsreich, manchmal etwas langweilig. Zu einem langweiligen Teilstück gehört jener Teil, der von seiner Größe durchaus dem Neusiedlersee entsprechen könnte. Tiefe rundherum nur 70cm, in der eher schmalen Fahrrinne aber 2m tief.
Wir passierten dann die Orte Vero Beach und Palm Beach und nahmen uns schließlich genau gegenüber der großen Montagehalle von Cape Canaveral eine Mooringboje. Titusville heißt der Ort.

Unser Plan ist für fünf Tage einen Mietwagen zu nehmen, das Boot an der Boje zu lassen und Richtung Orlando zu fahren. Die Themenparks warten…
Pass gut auf auf Dich und bis demnächst
Pauli von Bord SYMI (größere Fotos findest Du hier)



























